Im vergangenen Monat habe ich ein überraschend hohes Lesepensum bewältigt. Ganz klar sind mir die Ursachen immer noch nicht. Aber die zwei langen Zugfahrten nach Dresden und die ruhigen Zeiten im Hotelzimmer haben dem sicherlich Vorschub geleistet. Es folgen Kurzabrisse über die verschlungenen Texte:

Hans Erich Nossack: Tagebücher 1943-1977 Band 2
Suhrkamp, 1997

Die Lektüre hat mich gefesselt. Einige Einträge habe ich ja bereits erwähnt. Spannend seine Werkstattberichte, wenn er an neuen Büchern arbeitet. Noch spannender der Entschluss, sich nach über 40 Jahren Ehe zumindest zeitweise von Misi zu trennen, weil sie nach Hamburg zurück wollte, während er sich in Frankfurt sehr wohl fühlte - vielleicht so wohl wie niemals zuvor. Auf Lesereisen wird das Tagebuch zu einem reinen Protokoll, in dem Nossack die Orte, die Namen der Kontaktpersonen, den Zustand der Hotelzimmer etc. verzeichnet. In den letzten Hamburger Jahren verkommt das Tagebuch zu einer altjungferlich anmutenden Ressentiment- und Resignations-Arie.
Eine von Nossacks Maximen lautet: "Nie klagen!" Er müsste hinzufügen: "Höchstens im Tagebuch!"

Martin Walser: Ein fliehendes Pferd
Suhrkamp, 1978

Zur Vorbereitung auf den Film von Rainer Kaufmann nahm ich die Novelle erneut zur Hand - mittlerweile bestimmt schon zum vierten mal. Und wieder hat sie mich in ihren Bann gezogen. Meisterhaft, wie Walser hier die konträren Lebenslügen zweier Schulfreunde seziert, die sich nach 23 Jahren am Bodensee wiedertreffen. Das Buch gewinnt seinen Reiz aus der Demontage des scheinbaren Kraftgenies Klaus Buch, aus der Helmut Halm erst die Kraft zum Wandel schöpft. Ebenfalls meisterhaft, wie der ausgelutschte literarische Dreh, die Novelle am Ende nochmals anfangen zu lassen, nicht zu einer ewigen Wiederholung führt, sondern geradezu zum Indikator für Helmuts Halms Wandlung wird.
Ich bin bestimmt kein Walser-Fan. Aber diese Novelle gehört zum besten, was die deutsche Literatur in den letzten 50-60 Jahren hervorgebracht hat.

Helge Lange (Hg.): Fur Fiction
Edition Solar-X, 2005

Die Anthologie vereinigt Stories über Tier-Menschen. Das Spektrum reicht vom klassischen Werwolf bis zu Erzeugnissen modernster Gentechnik. Die meisten Geschichten bewegen sich erwartungsgemäß auf Amateur- bzw. Fanniveau. Nur wenige erweisen sich als lesenwert, darunter z.B. die "Geschichten aus dem belebten Universum" von Ulrich "Wer-Kater" Reimer.

Karl-Heinz Barthelmes: Heinz Rudolf Kunze - Meine eigenen Wege
Güterloher Verlagshaus, 2007

Karl-Heinz Barthelmes, Pastor in Bad Hersfeld, hat so was wie eine Biographie des Sängers und Dichters Heinz Rudolf Kunze geschrieben. Einige Rezensenten wollten in dem Buch eine penetrant religiöse Tendenz entdeckt haben. Das konnte ich nicht nachvollziehen. Ganz überwiegend präsentiert Barthelmes gut recherchierte und wenig störend aufbereitete Fakten. Zu wichtigen Ereignissen (z.B. die Tragödie mit seiner Dogge) lässt er den Biographierten selbst zu Wort kommen. Sicherlich kein Meilenstein der biographischen Literatur, doch insgesamt gern und mit Gewinn gelesen. Für Freunde von HRK ein Muss! Der Rest kann gut darauf verzichten.

Helmuth W. Mommers: Der Moloch und andere Visionen 2007 (Band 4)
Shayol, 2007

Zum vierten mal gibt Helmuth W. Mommers seine jährliche "Visionen"-Anthologie heraus. Und auch in diesem Jahr ist es die beste Kompilation deutschsprachiger Science-Fiction-Stories. Um so größer ist die Enttäuschung, wenn er gleich im Vorwort das Ende der Visionen ankündigt.
Was positiv auffällt: Alle Autoren beherrschen ihr Handwerk, alle Stories sind gut geschrieben. Herausragend Hammerschmitts kauzige Sozial-Utopie "Die Lokomotive" und Heidrun Jänchens "Regenbogengrün", sehr gut immer noch Küpers routinierte Cyberpunk-Story "Modus Dei" und Iwoleits Kurzroman "Der Moloch". Bei den letztgenannten Autoren macht sich aber Übersättigung breit. Sie scheinen zu stagnieren, beginnen teilweise, sich selbst zu wiederholen. Ich wünsche beiden einen deutlichen Qualitätssprung. Asters "Infogeddon" und Peineckes "Imago" sind Kopfgeburten; sie lesen sich wie die "Story zum Lehrsatz". Bei Hoeses "Hyberbreed" und Haubolds "Die Tänzerin" habe ich schlicht und einfach nicht kapiert, worum es ging. Der Rest ist solide Lesekost, auch wenn ich mir von Thor Kunkel und Karl Michael Armer nach ihren letzten bravourösen Beiträgen mehr erwartet hätte.

Boris Koch: Der adressierte Junge
Eloy Edictions, 2005

Das schmale Sammelbändchen vereint fünf phantastische Erzählungen des talentierten Wahlberliners Boris Koch. Die älteren Geschichten "Todestag" (ein englischer Okkultist will den Tod überlisten) und "Poteidea" (ein geheimnisvoller Bahnhof in Griechenland, an dem man erst aussteigen darf, wenn man auf ebenso geheimnisvollem Weg eine Einladung erhält) sind erzählerisch unausgereift. Sie weisen noch einige Längen auf. Die beiden Kurztexte "Der adressierte Junge" und "Aus den Reisenotizen des Jonathan Mommsen" erweisen sich als gelungene Fingerübungen. Aber die abschließende, längste Erzählung "Die Mutter der Tränen" ist ein Meisterwerk. Wie der Schmerz der Eltern über den gewaltsamen Tod eines Kindes dargestellt wird - das berührt den Leser zutiefst. Uff!

Friedrich Christian Delius: Unsere Siemens-Welt
Rotbuch, 1972, erweiterte Ausgabe 1976

F.C. Delius' satirische Festschrift zum 125jährigen Bestehen des deutschen Konzerns im Jahr 1972. Geschrieben von einem fiktiven Siemens-Ingenieur, der in seiner Begeisterung auch manch unliebsame Zusammenhänge ausplaudert. Aufschlußreich der Anhang, der das Gerichtsverfahren dokumentiert.

Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke 1931
rororo, 1960, Band 9 der Gesamtausgabe

Highlight des 31er-Jahrgangs ist das beschwingte "Schloß Gripsholm" mit der damals skandalösen Schilderung einer Liebe zu dritt. Frauen wie Lydia, die Herz, Geist und Lebenslust vereinen, gibt es wohl nur in einem Sommeroman von Kurt Tucholsky. Ansonsten fällt ein hoher Anteil an schriftstellerisch-theoretischen Texten auf. Dazwischen genau beobachtete Perlen wie "Die Ehemalige".

Wolfgang Jeschke: Heyne Science Fiction Story Reader 14
Heyne TB, 1980

Wolfgang Jeschke legt eine Science-Fiction.-Anthologie vor, in der die deutschsprachigen Beiträge dominieren. Zumindest zahlenmäßig. Denn von den 24 Stories stammen 20 aus deutschsprachigen Landen. Leider können sie bis auf wenige Ausnahmen ("Prinzip der Gewaltlosigkeit" von Reinmar Cunis, "Ein traumhafter Erfolg" von Peter Schattschneider) nicht überzeugen. Die meisten stellen bestenfalls das Exposé dar für die Geschichte, die noch zu schreiben ist. Über die lyrischen Beiträge decken wir den Mantel der Nächstenliebe. Bei dem Niveau versteht man, dass Jeschke kaum Lust verspürte, eine Anthologie mit rein deutschsprachigen SF-Stories herauszugeben.
Absolute Highlights dagegen die anrührenden Stories "Feraxya" von Thomas F. Monteleone und "Ein Kind jeglichen Alters" von P.J. Plauger. Auch sie werden überragt von Roger Zelaznys Meisterwerk "Der Henker ist heimgekehrt", einer Novelle, die mit dem HUGO Award 1976 ausgezeichnet wurde.

Jack Womack: Heidern
Heyne TB, 1990

Man soll halt keine Bücher lesen, während man im Bus sitzt und die Reiseleiterin einem mehr oder weniger Wissenwertes über die Umgebung ins Ohr plärrt. Jedenfalls kam ich zu keinem Zeitpunkt in die Geschichte rein. Und weiß infolgedessen bis heute nicht, worum es in dem Buch eigentlich ging. Lag es an der Übersetzung? Der Name Pukallus steht eigentlich für Qualitätsarbeit. Ich finde es schade, dass das Buch so an mir vorbeiging. Denn zwischendurch blitzen immer wieder Absätze auf, in denen der Autor scharfe Beaobachtungsgabe und meisterhafte Formulierkunst zeigte. Hmm - muss ich wohl nochmal lesen. In ruhigerer Umgebung.

Christof Schmid: Über Hans Erich Nossack
edition suhrkamp, 1970

Christof Schmid vereinigt in diesem Band Artikel und Rezensionen über den Schriftsteller Hans Erich Nossack und sein Werk. Dabei spart er auch Verrisse nicht aus. Die Qualität der Sekundärtexte schwankt erwartungsgemäß.Während Eugen Biser einiges Erhellende über das Wesen des "Engels" in Nossacks Werk vermittelt, reduziert Wilhelm Emrich alles auf den Begriff des "Nihilismus". Enttäuschend die Würdigung der Schriftstellerkollegin Christa Wolf, die zwar viele tiefe Einsichten zeigt, aber letztlich in ihrer ideologischen Zwangsjacke gefangen bleibt, wenn sie Nossacks Schilderungen nur für die bürgerliche Gesellschaft als zutreffend ansieht.

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Nach dem überdurchschnittlichen Lesepensum im September habe ich mein Jahresziel nach unten korrigiert. Während ich mir im August noch vornahm, den Stapel ungelesener Bücher (SUB) bis Sylvester auf unter 30 Exemplare abzutragen, lautet das neue Ziel: SUB < 20!
Dafür muss ich bis in den nächsten drei Monaten 14 Bücher lesen. Das sollte zu schaffen sein.

Randbedingungen: Kurd Laßwitz' Ziegelstein "Auf zwei Planeten" sowie mindestens 8 Brecht-Stücke sollen dabei sein.

Lesebilanz September 2007
Bestand Anfang September: 37
Zugänge im September: 5
gelesen im September: 11
Bestand Ende September: 31
Ziel 31.12.2007: unter 20
Mindest-Zugänge bis 31.12.2007: 2
zu lesen für Zielerreichung: 14