Die Überschrift macht es klar: Es geht um die Januar-Ausgabe der Zeitschrift "Psychologie heute".
Und wieder einmal bestätigt sich meine ambivalente Haltung zu diesem Periodikum. Neben viel zu wenigen Highlights gibt es einiges an Bodensatz, bei dem das Populäre die Wissenschaft verdrängt.

  • Mythen: Heilsgeschichten für die Seele
    Till Bastian referiert Erkenntnisse des Religionswissenschaftlers Harald Strohm und des Verhaltensforschers Norbert Bischof. Schöpfungsgeschichten, Heldensagen und andere Mythen verarbeiten demnach Erfahrungen aus frühkindlichen Zeiten. So entspricht z.B. das "Tohuwabohu", der undifferenzierte Urzustand vor dem göttlichen Schöpfungsakt, dem "ozeanischen" Bewusstseinsempfinden des kleinen Säuglings.
    "Religionen und Mythen erzählen Heilsgeschichten, die der Pflege jener seelischen Schichten dienen, die in der Erlebniswelt der frühesten Kindheit wurzeln."
    "Wir bedienen und der Mythen, [...] um uns etwas verständlich zu machen, das wirklich rätselhaft und quälend erklärungsbedürftig erscheint, viel geheimnisvoller als die äußere Erfahrungswelt der physischen und gesellschaftlichen Tatbestände selbst [...]. Dieses geheimnisvolle andere sollten wir in der widerspruchsvollen Welt der Selbsterfahrung suchen [...]."
    "Nicht Selbsterfahrung generell ist das Thema der Mythen, sondern sehr speziell die Erfahrungen am Beginn unseres Lebens - sie spiegeln das Erlebnis und Empfinden des Kindes wider, insbesondere des Säuglings und des Kleinkindes."
    Das erklärt die ungebremste Attraktivität und Lebensfähigkeit von Mythen - ungeachtet naturwissenschaftlicher "Widerlegungen".
    Was mich an der ganzen Angelegenheit aber stört: die Ausschließlichkeit, mit der Strohm und Bischof ihre Thesen vertreten.
    "Worüber uns der Mythos belehren kann, ist die Ursprungsgeschichte des individuellen Bewusstseins und sonst nichts."
    Wirklich sonst nichts?
  • Psychologie und Film: Der andere Blick
    Gerhard Bliersbach eröffnet eine neue Reihe mit einem Anriss der psychoanalytischen Rezeption von Filmen. Nett, aber ich hatte mir mehr erwartet. Vermutlich stößt mich die ausschließliche Fixierung auf psychoanalytische Aspekte von Filmen ab. Dennoch möchte ich mir in zwei Monaten den nächsten Beitrag antun.
    Kürzlich wurde der Klassiker "American Beauty" im Filmmuseum München wieder aufgeführt. Eingeleitet wurde er mit einem Vortrag zum Thema "Psychoanalyse und Film", anschließend wurde eine Diskussion bemüht. Der Film ist ein Meisterwerk, das Davor und Danach hätte man sich gut sparen können.
  • Monika Renz: Sterben ist die letzte narzisstische Kränkung
    Ein spannendes Interview mit einer Frau, die seit Jahrzehnten Sterbende begleitet.
    Eine ihrer Einsichten: "Leiden sieht von außen unter Umständen schlimmer aus, als es sich von innen anfühlt. [...] Man kann das Leiden, das zum Menschen, zum Leben und Sterben gehört, eher würdigen, wenn man es [...]nicht tabuisiert."
    Ein weiteres Zitat findet man hier.
  • Die Zukunft des Sterbens: Wo und wie werden wir ewig ruhn?
    Andrea Belwe langweilt uns mit banalen Erkenntnissen über die wachsende Mobilität und die damit einhergehende Beliebigkeit der letzten Ruhestätte. Leider bleibt sie beim Protokoll stehen und zieht keine Schlüsse. Lektüre nach der Hälfte des Artikels abgebrochen.
  • Arbeit macht das Leben mies
    Hans-Martin Schönherr-Mann entdeckt den Sozialpsychologen in Karl Marx. Allerdings ohne uns mit dieser Perspektive ernsthaft neue Einblicke zu eröffnen.
  • Gestern, heute morgen: Wo leben Sie eigentlich?
    Philip G. Zimbardo vermittelt uns Unglaubliches: Unser Zeitempfinden zerteilt den Zeitstrahl in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zu jedem Zeitabschnitt können wir grundsätzlich eher positive oder negative Empfindungen entwickeln.
    Zimbardo präsentiert dem staunenden Leser nun den optimalen Mix für unsere Orientierungen gegenüber den drei Zeitabschnitten. Heraus kommt ein rosafarbener, leicht getrübter Cocktail, der künstlich und abgestanden schmeckt.
    Außerdem nervt die direkte Ansprache des Lesers. In einer psychologischen Zeitschrift sollten solche Artikel, die die Machbarkeit der eigenen Ansichten predigen, nichts verloren haben. Zimbardo teilt uns nämlich nicht mit, wie wir unsere inneren Einstellungen umbiegen können, wenn sie dummerweise noch nicht auf die Optimalkoordinaten eingestellt sind.
    Insgesamt ein Negativbeispiel für das aus Amerika herüberschwappende "Psychological Engineering".