13 August, 2009 13:33
Wie versprochen: Hier kommt die Leseausbeute vom Juli!
- Inhalt:
- Jörg Hugger: "Metall-Leben"-Trilogie
- Olaf Henkel: Im Jahre Ragnarök
- Uwe Post (Hg.): GOLEM 87 und 88
- Stories aus der Zeitschrift c't
- phantastisch! Nr. 35
- Jan Gardemann: Der Remburg-Report
- Hans Erich Nossack: Die gestohlene Melodie
- Wolf N. Büttel: Sie hatten 44 Stunden
- Karsten Kruschel: VILM
Jörg Hugger: "Metall-Leben"-Trilogie
bestehend aus:
Band 1: Geheimbund Membran
Band 2: Gedanken-Datenbanken
Band 3: Asteroid Luxoria
p.machinery, 2009
Drei spannende Geschichten aus dem Leben des Milliardärs Colin Southcliffe, der mit "Metall-Leben", programmierbaren, selbstorganisierten und selbstwachsenden Metall-Strukturen, ein Vermögen erwirtschaftet hat. Doch bereits in seiner Jugend hat er sich mit einem Geheimbund eingelassen. Der meldet sich gerade in dem Moment wieder, als ein Großprojekt - ein selbstwachsender Weltraumaufzug - sabotiert wird.
Am Ende des zweiten Bandes tritt Colin Southcliffe unfreiwilligerweise eine Reise mit einem zu einem Generationenraumschiff umfunktionierten Asteroiden an. Als der nach Jahrzehnten sein Ziel Eridani III erreicht, stellen die Raumfahrer fest, dass sie nicht die ersten Wesen sind, die diesen Planeten entdeckt haben. Und viele irdische Konflikte finden hier ihre Klärung.
Jeder Band erzählt eine abgeschlossene Geschichte. Der Umfang, je 150 groß und locker bedruckte Seiten, ist so gewählt, der er in einem Tag locker bewältigt werden kann. Hugger erzählt spannende Geschichten im Stil von James Bond bzw. mancher Superhelden-Saga aus den 40er-, 50er- oder 60er-Jahren. Und genau aus dieser Zeit scheint auch sein Personal und deren zwischenmenschliche Konflikte entsprungen zu sein. So überfallen den Leser ausgerechnet bei diesen Zukunftsromanen bisweilen nostalgische Gefühle.
Um das klarzustellen: Hugger kann schreiben. Er erzählt knackig, prägnant und bildhaft. In allen drei Bänden vermag er den Spannungsbogen bis zum Ende durchzuhalten.
So liefert die "Metall-Leben"-Trilogie im besten Sinne spannende Unterhaltung. Aber auch nicht mehr.
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Olaf Henkel: Im Jahre Ragnarök
Atlantis, 2009
Der Altmeister des deutschen Alternativweltromans meldet sich zurück. Diesmal ist das Ende des Zweiten Weltkriegs anders verlaufen, weil Stalin im Februar 1945 an einer Grippe verstarb. Als Ergebnis ist Deutschland in den 60er Jahren in eine englische und amerikanische Besatzungszone sowie eine französisch dominierte Rheinrepublik aufgeteilt - der realisierte Morgenthau-Plan lässt Deutschland wirtschaftlich darben und in der Bevölkerung einen tiefen Hass auf die Amerikaner aufkommen.
Dies ist die Geschichte des englischen Agenten Tubber, der Kunstschmugglern auf die Spur kommen soll. Ihm zur Seite gestellt wird der deutsche Polizist Dünnbrot, mit dem Tubber in gegenseitiger Antipathie verbunden ist. Im Laufe ihrer Recherchen treffen sie eine Domina samt Freundin, Jack Kerouac und Buddy Holly und gelangen auf die Spur einer großangelegten Nazi-Verschwörung zur grundlegenden Änderung der Vergangenheit.
Das Alternativ-Setting gefällt. Es ist gut durchdacht und basiert auf historischen Plänen. Leider erfahren wir zu wenig über die Auswirkungen auf das Alltagsleben der Bevölkerung.
Die Story leidet darunter, dass "Alternate History" und Zeitreise gemixt werden. Während mir die Charakterisierung Tubbers gefällt, können die anderen Figuren, vor allem die Frauen, kaum überzeugen. Vor allem bemüht der Plot zu oft den Zufall, ohne den die Handlung in der Form nicht möglich gewesen wäre. Das Ende gerät mir zu happy - für die Hauptpersonen lösen sich einfach alle Probleme auf einen Schlag restlos auf.
Schade. Denn Henkel kann durchaus schreiben. Das Buch liest sich flüssig weg, wenngleich die Sprache nicht überragend ist. Aber die vielen unnötigen Twists in der Handlung machen die guten Ansätze weitgehend zunichte. Außerdem bleiben zu viele ausgelegte Fäden auch am Ende des Buches noch lose.
Insgesamt nicht ungern gelesen. Aber begeistern konnte mich Henkels "Im Jahre Ragnarök" letztlich nicht.
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Uwe Post (Hg.): GOLEM 87 und 88
SFC Thunderbolt, 2009
Woher nimmt der Mann bloß die Energie? Uwe Post schreibt nicht nur jede Menge super SF-Stories und einen abgedrehten Roman ("Symbiose"), macht nicht nur Kurzfilme, sondern gibt auch dreimal im Jahr die GOLEM-Heftchen raus. Jedes Heft enthält drei bis vier phantastische Stories aus dem Forum kurzgeschichten.de, denen Uwe liebevoll je ein eigenes Layout verpasst.
Auch in den vorliegenden Ausgaben wurden wieder frische, originelle und trotzdem gut geschriebene Stories versammelt. Besonders gefallen Salamés "Die Möglichkeit einer Stadt" und die beiden Werke von Frederic Brake, der gleich zwei gelungene Talentproben abliefert. Den Namen wird man sich merken müssen.
Detailnotizen zu den einzelnen Storys findet man hier.
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Stories aus der Zeitschrift c't
Ausgaben 2-14/2009
Heise Verlag
Die Story-Rubrik in der Computerzeitschrift c't ist immer wieder einen Blick wert. Mittlerweile erreichen alle abgedruckten Werke zumindest sprachlich-handwerklich ein ordentliches Niveau, nicht selten findet man Perlen darunter. Meine persönlichen Highlights aus dem 1, Halbjahr 2009 sind:
- Gero Reimann: Kalchas wie Kotzende Hunde
- Desirée und Frank Hoese: Load
- Frank Hebben: Krematorium
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phantastisch! Nr. 35
Verlag Achim Havemann, 2009
Die 35. Ausgabe des Magazins "phantastisch!" ist wieder einmal mehr als gelungen. Selten haben mich so viele Artikel thematisch angesprochen. Und noch seltener wurde ich so oft von der Lektüre belohnt.
Was Klaus Bollhöfener und Achim Havemann hier Quartal für Quartal aufs Papier zaubern, ist von Art und Qualität her einzigartig. Und im Vulgär-Wortsinn phantastisch!
Es würde den Rahmen dieser Rubrik sprengen, wollte ich auf alle Top-Artikel eingehen oder auch nur die Highlights auflisten. Deshalb sei auf das verwiesen, was ich bereits an anderer Stelle hinterlassen habe..
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Jan Gardemann: Der Remburg-Report
Atlantis, 2009
Wer sich für gehobene Science Fiction aus deutschen Landen interessiert, kommt in diesem Jahr nicht am Programm des kleinen, aber immer feineren Atlantis-Verlags von Guido Latz vorbei. Nach Uwe Posts "Symbiose" und Oliver Henkels "Unternehmen Ragnarök" ist Jan Gardemanns "Der Remburg-Report" bereits der dritte Atlantis-Streich.
Michael Neustädter, verkrachter Journalist aus Remburg, einer Stadt, in der Funkanwendungen durch einen geheimnisvollen Strahlenmantel verunmöglicht werden, entdeckt zufällig, dass ihm das Schnarchen während seiner krankhaften Schlafanfälle vergangene Geschichten erzählt. Mit Hilfe dieser seltsamen Gabe deckt er eine Verschwörung auf, in die nicht nur der Remburger Polizeichef und ein Mafia-Chef verstrickt sind, sondern auch Außerirdische und Remburger Widerstandskämpfer verwickelt sind. Auch eine Liebesgeschichte darf nicht fehlen.
Was für ein spannender, faszinierender Roman ist Jan hier gelungen! Ich konnte das Buch kaum zur Seite legen, so flitzegebogen wartete ich darauf, wie es weitergehen würde, welche Facette Jan als nächstes aufdecken würde. Gewiss: Der Roman verwurschtelt viele altbekannte Mystery-Motive, auch der Plot ist eher konventionell gestrickt. Dennoch: Jan hat hier viele Einfalle und unerwartete Wendungen untergebracht, die sich aber am Ende zu einem sauberen Handlungsteppich verknüpfen. Außerdem kann der Knabe rasant und packend schreiben.
Jan Gardemanns "Der Remburg-Report" bietet spannende Unterhaltung auf höchstem Niveau. Empfehlung für die Ferienlektüre!
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Hans Erich Nossack: Die gestohlene Melodie
Suhrkamp, 1972
Selten ist bei einem Roman die Handlung, bzw. die erzählte Geschichte so unwichtig wie bei Nossacks "gestohlener Melodie". Wer hier Identifikationsfiguren sucht, an deren Fiktionalem Schicksal er teilnehmen kann, wird kaum fündig werden. Ja, selbst wenn man versucht, die "Fabel" herauszukristallisieren, bekommt man schon Probleme.
Ein Herausgeber findet Notizen eines Schriftstellers, dem ein gewisser Herr Fürst während einer Kur eine Geschichte erzählte, von der Herr Fürst meinte, der Schriftsteller solle sie zu einem Drehbuch verarbeiten. Aber auch Herr Fürst hat diese Geschichte von jemand anderem erzählt bekommen, der zu allem Überfluss bereits gestorben ist.
Die eigentliche Geschichte ist eher farblos und bleibt kaum in der Erinnerung haften. Schon eher das integrierte Märchen "Der König geht ins Kino", das Herr Fürst dem Schriftsteller erzählt, um ihn von seinen Erzählfähigkeiten zu überzeugen.
Worum es tatsächlich geht: ein verschachteltes Spiel mit Erzähler, Erzählperspektive, der Zuverlässigkeit von Erzählern und Erzähltem und dem Stille-Post-Syndrom. Wer das erkennt und sich darauf einlassen kann, wird großes Vergnügen an diesem Kabinettstückchen finden. Und auf viele Geheimnisse und Probleme des fiktionalen Schreibens stoßen.
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Wolf N. Büttel: Sie hatten 44 Stunden
Wolfenbütteler Akademie-Texte Bd. 23, 2006
Eine verlassene Weltraumstation im Jupiter-Orbit droht auf den Gasriesen zu stürzen. Zur Rettung wird auf die Schnelle wird eine Raumexpedition losgeschickt. Bald zeigen sich Spannungen zwischen einzelnen Besatungsmitglieder, so z.B. zwischen Kapitän ... und ..., der Vertreterin der auftraggebenden Firma. Auch die Rolle des Journalisten ... ist unklar. Am Jupiter angekommen, entdeckt die Mannschaft noch ein weiteres Artefakt, dessen Aktivierung weit schlimmere Folgen haben könnte als der bloße Verlust der Raumstation.
Der Titel "Sie hatten 44 Stunden" ist doppeldeutig. Denn das Buch ist das Resultat eines Experiments: Ein SF-Roman, der an einem Wochenende in Wolfenbüttel geschrieben wurde.
Von 15 Autoren im Rahmen eines besonderen Schreibseminars unter der Leitung von Andreas Eschbach und Klaus Enpunkt. Die für dieses Projekt eben auch genau 44 Stunden Zeit hatten.
(Für Infos hier klicken!)
Das Ganze liest sich überraschend gut. Die stilistische Qualität überzeugt, auch wenn sich Kontraste im Personalstil der verschiedenen Autoren bisweilen deutlich bemerkbar machen.
Allerdings zeigten sich in der Handlung zwischenzeitlich einige Längen. Und der ständige Wechsel der Perspektivfigur erleicht die Lesearbeit auch nicht gerade.
Gegen Ende merkt man dem Werk den zunehmenden Zeitdruck an. Einige Wendungen erscheinen überflüssig und konstruiert, es opfern sich ein paar zu viele Protagonisten für die gute Sache.
Unterm Strich: Ein interessantes Experiment, im Schnitt eine erstaunlich hohe stilistische Qualität, aber mehr als ein guter erster Entwurf ist dabei nicht herausgekommen. Das Ding bedarf intensiver Überarbeitung.
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Karsten Kruschel: VILM
bestehend aus:
Band 1: VILM - Der Regenplanet
Band 2: VILM - Die Eingeborenen
Wurdack, 2009
Der Weltenkreuzer "Vilm van der Osterbrijk" stürzt auf einem dauerfeuchten Planeten ab, den die Überlebenden bald "VILM" nennen. Aufgrund des Dauerregens ist der Untergrund glitschig und schlickig. Kruschel beschreibt in Episoden, wie sich die Überlebenden zunächst einrichten und deren Kinder schließlich sehr innigen Kontakt zu den Eingesichtern, einer hundeartigen intelligenten Spezies, aufnehmen.
Man kann die Vielfalt von Kruschels Ideen kaum in drei Sätzen zusammenfassen. Die interessante Hierarchie an Bord des Weltenkreuzers, die ganz anders gestaffelte Gesellschaftsordnung nach dem Absturz, die Dualwesen, die sich zwischen Menschen und Eingesichtern entwickeln, ein undurchdringlicher Äquatorwulst und überraschende Feinde von bewohnten Planeten - das sind nur einige Zutaten zu diesem sehr schmackhaften, immer wieder überraschenden Menü. Der Wechsel zwischen verschiedenen Perspektivpersonen gelingt Kruschel mit bewundernswerter Leichtigkeit; für jeden findet er eine eigene Sprache. Glanzpunkte sind die Stellen, an denen er dem Leser überzeugend die Erlebensweise der Dualwesen nahebringt.
"VILM" hat 18 Jahre in Kruschels Schublade auf Veröffentlichung gewartet. Der Roman ist ein außergewöhnliches Kleinod von ganz eigenem Schliff.
Dank an Heidrun Jänchen, die das Werk ausgegraben, lektoriert und dem Verleger Ernst Wurdack schmackhaft gemacht hat! Dank auch an Ernst Wurdack für den Mut, dieses herausragende Roman-Debut zu verlegen!
Möge es durch hohe Verkaufszahlen belohnt werden!
Zum Inhalt
Der Juli wurde dominiert von Pflichtlektüre für den "Deutschen Science Fiction Preis". Überraschend war das durchgehend hohe Niveau vor allem auf dem Roman-Sektor.
Sollte in diesem Jahr der lang erhoffte Qualitäts-Durchbruch von den Kurzgeschichten zu den Romanen gelungen sein?
Oder handelt es sich einfach nur um einen guten Jahrgang?
Die Zukunft wird es zeigen. In dem Sinne: Behaltet die Neuerscheinungen im Auge!


