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Die Leseliste des August:

Selim Özdogan: Zwischen zwei Träumen
edition lübbe, 2009

In nicht allzu ferner Zukunft ist es gelungen, Träume chemisch aufzuzeichnen. Wer sich die Traumtropfen in die Augen träufelt, kann den Traum einer anderen Person erleben, als sei es sein eigener. Dies ist die Geschichte von Na..., der ein profesioneller "Träumer" werden will, dessen Bestimmung aber ganz woanders liegt. Das ist die Geschichte von seinem Freund xxx, der zu einem gefeierten DJ aufsteigt, von seiner großen Liebe xxx, die ihre Karriere als Star-Träumerin fast mit dem ewigen Gefangensein in einem Endlos-Traum bezahlt, von xxx, dem einzigen Menschen, bei dem die Traumtropfen nicht anschlagen, dem sich aber Türen in Realitäten öffnen, die anderen Menschen verschlossen bleiben, und, und, und
Ein Roman voll überschäumender Fantasie und schier unerschöpflichen Einfällen. Özdogan liebt seine Figuren und gestaltet sie durchweg detailliert und lebendig, so fantastisch sie auch manchmal scheinen mögen. Ein Buch voller Poesie, Spannung und tieferem Gehalt, das sich ständig auf der Schneide zwischen Realismus und Märchen bewegt. Besonders die Traumpassagen gelingen ihm luzid und prägnant. Ein Meisterwerk!
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Ronald. M. Hahn, Frank Hebben, Michael K. Iwoleit (Hg.): NOVA 15
Eigenverlag, 2009

Die 15. Ausgabe des etablierten und renommierten deutschen SF-Magazins sollten eigentlich Autorinnen mit erotischen SF-Stories füllen. Übrig blieben nur drei unverzagte Damen, so dass das Heft mit "normalen" SF-Stories von männlichen Autoren aufgefüllt werden musste.
Die Ausgabe ist durchwachsen; es gab deutlich bessere NOVAe, aber auch schon schlechtere. Meine Highlights sind das cyberpunkige "Vater Kosmos, Mutter Erde" von Helmuth W. Mommers und "Im Äquilibrium" von Gero Reimann, der kurz nach Veröffentlichung seiner Story im Alter von 64 Jahren verstarb.
Meine gesammelten Notizen habe ich bereits hier hinterlassen. Zum Inhalt

Juli Zeh: Corpus Delicti
Schöffling, 2009

In nicht allzu ferner Zukunft beherrscht eine Gesundheitsdiktatur, die sog. METHODE, das Leben der Menschen. Mißbrauch von Drogen und Genußmitteln wird hart bestraft, die Ableistung der sportlichen Anforderungen wird überwacht. Nachdem Mias Bruder wegen Vergewaltigung zum Scheintod durch Einfrieren verurteilt wird und sich der Strafe durch Selbstmord entzieht, lässt ihr Gesundheitsbewusstsein nach. Und sie macht sie Gedanken über die Unfehlbarkeit der METHODE - wodurch sie zu einer subversiven Kraft wird, die die herrschende Philosophie ins Wanken bringt.
Juli Zeh entwirft eine beängstigende Vision, die wie eine nur leicht übertriebene Extrapolation gegenwärtiger Tendenzen wirkt. Die Auswirkungen verdeutlicht sie an ihren Protagonisten, allen voran Mia Holl, die sich teils unfreiwillig von einer überzeugten Anhängerin der METHODE zu einer Ikone des Widerstandes entwickelt. Das Buch ist stilistisch hervorragend geschrieben. Die Autorin hält bis zum Ende einen starken Spannungsbogen durch, der von einigen überraschenden Wendungen getragen wird.
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und auf anspruchsvolle Weise unterhält.
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Thomas A. Harris: Ich bin o.k., Du bist o.k.
rororo 16916, Rowohlt 1973, 43. (!) Auflage, 2009
(OA: I'm OK - You're OK: A Practical Guide To Transactional Analysis, Haper&Row, 1967/68/69)

Ein Klassiker und Longseller der Transaktionsanalyse. Und das zurecht!
Harris zerlegt die menschliche Psyche in Eltern-, Erwachsenen- und Kinder-Ich (El-Er-K). Mit relativ einfachen Kriterien kann man erkennen, welches dieser drei "Ichs" gerade spricht oder handelt.
Die frühkindliche Minderwertigkeitserfahrung lässt die Grundüberzeugung "Ich bin nicht o.k. - Du bist o.k." entstehen. Nur mit Hilfe des Erwachsenen-Ichs lässt sie sich durch "Ich bin o.k. - Du bist o.k." ersetzen, mit der viele Reibereien und zwischenmenschliche Probleme vermieden bzw. besser gehandhabt werden können.
Mir erscheint das El-Er-K-Modell wie ein modifiziertes Über-Ich/Ich/Es-System. Im Gegensatz zu Freud ist der Fokus nicht nur auf die Sexualität gerichtet, sondern bezieht auch andere Lebensaspekte ein. El-Er-K ist eingängig und kann sicher in der Therapie, vielleicht auch im Alltag helfen.
Allerdings empfand ich Harris' Optimismus oftmals überzogen. Mir fehlten z.B. Daten über die Langzeitwirkung von El-Er-K-Therapien. Heute beziehen auch Verhaltenstherapeuten tiefenpsychologische Erkenntnisse in ihre Therapien ein - und umgekehrt. Wenn Harris aber mit El-Er-K sogar weltpolitische Probleme lösen will, erscheint die Grenze zur Hybris erreicht.
Mir mißbehagt auch die Brandmarkung von El und K als Ursache allen Bösen und dem Erwachsenen-Ich als das einzige Allheilmittel dagegen. Wenn jeder Mensch ein Eltern- und ein Kinder-Ich in sich trägt, dann haben diese Instanzen auch für den erwachsenen Menschen Funktion und Bedeutung.
An einigen Stellen merkt man dem Buch auch sein Alter an. So wird die Angst vor dem Weltkommunismus thematisiert und Fragen wie "Roaming-In" (also die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt) oder vorehelicher Geschlechtsverkehr diskutiert.
Unterm Strich bleibt ein Buch, aus dem man viele Anregungen für den Alltag und die Selbstbeobachtung ziehen kann. Um eine kritische Auseinandersetzung kommt man aber nicht herum.
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Paolo Maurensig: Die Lüneburg-Variante
Suhrkamp st 2970, 1998
(OA: "La variante di Lüneburg", Adelphi edizioni s.p.a., 1993)

Der Jude Tabori und der Arier Dieter Frisch zählen vor Hitlers Machtergreifung zu den größten deutschen Schachtalenten. Zwischen ihnen entwickelt sich eine starke Feindschaft. Während des zweiten Weltkriegs treffen die beiden im KZ Bergen-Belsen wieder aufeinander: Tabori als Insasse, Frisch als SS-Offizier. Bei einem inszenierten Wettkampf kämpfen die beiden um das Leben anderer Gefangener.
Nach Kriegsende trennen sich die Wege der beiden. Tabori lockt seinen alten Feind aus der Reserve, indem er ein Jungtalent auf raffinierte Art als Köder benutzt. Prompt beißt Frisch an.
Die ersten drei Viertel des Romans sind fesselnd und spannend geschrieben. Alle Figuren werden dem Leser sehr nahegebracht, sie haben Tiefe und Kontur. Die Würze liefern phantastische Elemente, wie etwa das "magische Schachbrett", das Fehlzüge unmittelbar durch Elektroschocks bestraft. Bewunderswert, wie Maurensig es schafft, die Faszination einer Schachpartie zu beschreiben, ohne konkrete Varianten oder Stellungsbilder zu benutzen. Auch die Beschreibung großer Schachmeister der 20er und 30er Jahre (Capablanca, Lasker, Aljechin, Bogoljubov und vor allem Akiba Rubinstein) ist gelungen.
Leider lässt die Intensität ausgerechnet im letzten Viertel, das im KZ spielt, deutlich nach. Dennoch ist unterm Strich ein faszinierender, spannender und lesenswerter Schachroman von einem großartigen Schriftsteller in ebenso großartiger Übersetzung zu vermerken.
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Der August war quantativ nur mäßig ergiebig, qualitativ dafür umso stärker. Die Romane von Özdogan, Zeh und Maurensig haben mich über weite Strecken begeistert, das Sachbuch von Harris bot jede Menge Anregungen und Erkenntnisse, lediglich die NOVA-Ausgabe konnte mich nicht restlos zufriedenstellen. Insgesamt ein kleiner, aber feiner Lesemonat.